Glück ist ein scheues Wesen und klingelt gerne mal unangemeldet an der Hintertür. In diesem Fall besucht es mich in der Gestalt des isländischen Performancekünstlers Ragnar Kjartansson, der mit seiner akustischen Gitarre in einer gefüllten Badewanne liegt und dem Schönen in der Melancholie sein Lied singt. Zusammen mit acht anderen Musikern auf neun Bildschirmen zeitgleich. Der Artikel von Hanno Rauterberg im Feuilleton der Zeit übt einen derartigen Sog aus, dass ich spontan entscheide, ins Louisiana – Museum of Modern Art zu fahren und mir die Werke dieses überzeugendabsurden Künstlers selbst anzuschauen. Das zeitgleich stattfindende Louisiana Literature beflügeltmein Autorinnenherz. Als Mitglied des BVjA einen Artikel für das Qwertz schreiben zu dürfen motiviert zusätzlich. Auf dem Louisiana Channel begegne ich den 400 Interviews mit den Autoren der letzten 11 Festivals in Podcasts, Interviews und Videos und staune, wie hochkarätig das Festival in der Vergangenheit besetzt war. Annie Ernaux, ein Interview mit Siri Hustvedt und Paul Auster ziehen mich zuerst in den Bann. Auf der Gästeliste dieses Jahres steht u.a. Haruki Murakami. Sein Buch „Von Beruf Schriftsteller“ fällt mir in die Hände. 2016 hat es mich begeistert. Ich nehme es mit.

 

In diesem Jahr waren Autoren aus Japan, Italien, Argentinien, Island, USA, Ireland, Nigeria, Österreich, England, Tansania und Frankreich dabei. Angesichts dieser Internationalität bin ich etwas irritiert, dass die Gäste bei der Eröffnungsveranstaltung nur in Dänisch begrüßt werden. Ich kann nur vermuten, dass Gäste, die nicht der dänischen Sprache mächtig sind, herzlich willkommen geheißen werden. Dann betritt Joyce Carol Oates als erste Autorin die Bühne und sie gibt beredt Antwort zu den Fragen, die in ihren aktuellen Buch Babysitter verhandelt werden.

 

Ich habe am zweiten Festivaltag im Park Stage einen Platz in der ersten Reihe ergattert und vertreibe mir die Wartezeit auf das Interview von Tore Leifer mit Haruki Murakami, in dem ich ein paar Sätze weiterlese in seinem Buch über seinen Schriftstellerberuf. Er erzählt, dass Schriftsteller, seiner Beobachtung nach, selten miteinander befreundet sein können, weil ein sehr großesKonkurrenzbewusstsein besteht. Während ich darüber nachdenke, ob ich als Autorin auch ein Konkurrenzthema habe, füllt sich das Zelt. Die Unruhe nimmt zu. Marukami ist unumstritten der Magnet des Festivals. Beim Sicherheitspersonal wächst die Nervosität. In meinem linken Augenwinkel steuern Menschen auf die letzten freien Plätze mit den ReserviertSchildern zu. Ich drehe vorsichtig meinen Kopf und erstarre. Joyes Carol Oates sinkt behutsam auf den schmalenPlastikstuhl an meine linke Seite. Gestern Nachmittag, hatte die Grand Lady der amerikanischen Literatur, dreimal für den Pulitzer nominiert, immer wieder heiß gehandelt für den Literaturnobelpreis, das Festival eröffnet wie bereits erwähnt. Klug und klar wie immer, mit immerhin 85 Jahren im Lebensgepäck. Das Interview wurde von Elisabeth Skou Petersen geführt, die ich im Laufe der vier Festivaltage als Interviewerin sehr schätzen lerne. Petersen ist gut vorbereitet, unaufdringlich und behutsam. Sie lässt dem Gast Platz zum Nachdenken und steuert zurückhaltend die Gespräche.

 

Ich frage mich kurz, ob ich die Gelegenheit ergreife Frau Oates meinen Respekt auszudrücken. Glücklicherweise entscheide ich mich dagegen. Frau Oates ist ein Gast von Herrn Murakami und will vermutlich ihre Ruhe. Herr Murakami betritt die Bühne und ich bin kurz überrascht vom tosendenApplaus. Seine Werke sind in 50 Sprachen übersetzt. Er selbst wird nicht müde zu betonen, wie sehr er sich doch wundere über diesen Rummel. Er sei doch bloß ein durchschnittlicher Mensch und Autor.

Ich bestaune den schüchternen Herrn Murakami, der auch angesichts eines etwas nervös laut lachenden Moderators gelassen bleibt. Kurz vor Ende des Interviews geht Murakami noch mal auf das ewigen Thema Schreibblockaden ein. Er antwortet überzeugend klar, dass es eigentlich sehr einfach sein, wenn er nicht schreiben wolle, würde er es einfach lassen und wenn er schreiben wolle, würde er es tun.

 

Joyes Carol Oates hat in diesen Tagen ein straffes Programm. Ich ertappe mich bei dem Wunsch, sie möge doch gerne ihren kleinen schlauen Kopf beim kurzen Nickerchen an meine Schulter lehnen. Vielleicht gibt es dann sowas wie Übertragung von Klugheit und Weisheit auf mich. Wishful thinking.  

Nun hat der Herr Murakami auf der Bühne seinen Auftritt beendet und Frau Oates ist immer nochputzmunter und reiht sich ein in unseren herzlichen Applaus.

 

44 AutorInnen - vier Tage - vier Aufführungsorte erfordern vom Besucher Disziplin und Koordinationsfähigkeit. Meinen anfänglichen Ehrgeiz, möglichst viele Veranstaltungen zu besuchen, lasse ich ziehen. Wenn zwischen den vielen Interviews, Lesungen und Konzerten Zeit übrig bleibt, führt mich mein Weg zu Ragnar Kjartansson. Ich lasse mich berühren und beruhigen von der Lässigkeit und Tiefe seiner Kunst und der Kunst seiner Lässigkeit.

Die Warteschlangen vor Kaffeeständen, Signierzelten und Aufführungsorten etc. eignen sich ideal, um unkompliziert ins Gespräch zu kommen. Mit anderen Autoren, Medienvertretern, Übersetzern, Verlagsmenschen sowie lesebegeisterten Gästen. Man gerät gemeinsam ins Schwärmen über die Schottin Ali Smith, wie sie im Handumdrehen das Publikum verzaubert mit ihrem klugen Humor. Sie gibt entspannt Einblick in ihre Arbeit zu den Jahreszeitenbüchern und das Dauerthema Brexit.

Und man tauscht sich immer mal wieder mit den anderen Festivalgästen über die unterschiedlichen Qualitäten der Moderatoren aus. Ein Hochamt des analogen. Die Welt der Literatur zum Anfassen. Gänsehautmomente im fast Algorithmus freien offenen Raum.

 

Ich freue mich von Beginn an auf Joyce Carol Oates und Eva Menasse im Interview, moderiert von Martin Krasnik. Ich erfahre, dass der Moderator in Dänemark eine große Nummer ist. Sowas wie eine Mischung aus Jauch und Lanz. Beide Autorinnen mögen und respektieren sich und haben sich offenbar auf diese Begegnung gefreut. Zwei intellektuelle Schwergewichte der Literaturwelt, die sich nicht scheuen, mit geradem Rücken das Zeitgeschehen zu analysieren und zu kommentieren. Dasetwas breitbeinige Ego des Moderators grätscht mehrfach hölzern dazwischen, so dass die beiden Frauen immer wieder aus dem Fluss gerissen werden. Das Publikum hat sich schnell dazu entschieden, die Frauen zu feiern.

Natürlich gibt es auch viele Autoren, internationale sowie dänische, die mir nicht bekannt waren. In einem Gespräch zwischen Claire Keegan und Ian McEwan werde ich schnell Fan der Irin und nehme mir vor, diese Autorin dringend bald zu lesen. Sie inspiriert mich mit einer Auf-den-Punkt-Brilianzihrer klugen Sätze. Der Nobelpreisträger Abdulrazak Gurnah aus Tansania erobert sich auch schnell eine begeisterte Fangemeinde. Zwischendurch wirft er die Frage in den Raum, was denn hier mit den Männern passiert sei. Und in der Tat, besteht das Publikum aus mehrheitlich mitteljungen bis mittelalten Frauen und ist weit davon entfernt, divers und heterogen zu sein.

 

Es gab viele wunderschöne sehr bewegende Momente in diesen vier Tagen. Die große Menge an Inspirationsquellen wird mich noch lange tragen, wenn ich wieder am Schreibtisch sitze und meine eigenen Texte schreibe.

Ein schwedischer Journalist berichtet nebenbei, dass viele internationale Schriftsteller nicht nur herkommen, weil der Ort so schön gelegen ist und das Publikum so nah. Viele genießen es offenbar auch, in dem Hotel, in dem die meisten während der vier Tage untergebracht sind, in Kontakt zu kommen mit den anderen Kollegen und sich fern allen Trubels auszutauschen.  

Mehrfach erwähnen Autoren in Interviews wie sehr sie das, was im sogenannten Social Network stattfindet, als immense Zerstörung der Zivilisation begreifen.

Hier war alles echt, alles analog, alles pure wunderschöne Realität. Keine Internetblase, in der die erschöpfte Welt durchdreht und sich die echten oder unechten Menschen gegenseitig am Mensch sein hindern.

Anke Wistinghausen

 

 

 

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