Erfahrungsbericht LBM 2019 von Heike Sonn

Dieses Mal hatte ich knapp zwei Tage Zeit für das Bad in der Atmosphäre der vereinigten Buchstaben. Die proppevolle Bahn brachte mich direkt zum wunderschönen Haupteingang. Ein traumhafter, frühlingsblauer Himmel überspannte die Glashalle; die ersten fantastisch kostümierten Cosplayer heizten meine Euphorie an.

Buchmesse! Yeah.

Vorbei an Bela B auf Großbildschirmen, auf zu den ersten Kolleginnen, die ich bisher nur im Netz kannte, ich begrüßte Carmen Mayer, die auch bei der edition Oberkassel veröffentlicht und wechselte ein paar herzliche Worte mit Sandra Uschtrin von der Federwelt. Gemeinsam bedauerten wir das Fernbleiben von Anke Gasch. Fürs nächste Jahr überlege ich mir, es mir mit Sitzkissen und Thermoskanne genau hier gemütlich zu machen. (Ach, und Anke kann sich dann gleich dazusetzen, falls sie zwingend direkt vor der Messe wieder Eislaufen muss …). Dann kann man die nettesten Menschen treffen, ganz ohne die Füße malträtieren zu müssen. Ich erwischte Uschi Hahnenberg im Gespräch mit Diana Hillebrand, versuchte, Jurenka Jurk, die schräg gegenüber saß, nicht bei der Kaffeepause zu stören, umarmte auf dem Weg zu einem Vortrag noch schnell Gabi Schmid und schon stoben wir in unterschiedliche Richtungen davon.
Gottlob hatte ich mir eine Karteikarte mit Uhrzeiten und Orten gemacht. Ohne Struktur würde ich mich im Überall der Bücher vermutlich verlieren.

Auf dem Weg zu einem Vortrag fischte mich meine Bremer Kollegin Iris Fox aus der Menge. Unglaublich, die Messe ist so groß und dennoch ist auch dies möglich. Wie schön!

Im Vorbeigehen entdeckte ich Jasmin Zipperling und konstatierte, die Infos im Netz sind nicht immer unwahr. Inmitten der Massen war ihr Blick aufs Handy gerichtet, (am nächsten Tag sah ich sie gleichzeitig zwei dieser unverzichtbaren Dinger bedienen) und trotzdem blieb ihr nicht verborgen, dass ich ein Foto von ihr machte. Scheinbar verfügt sie über einen allumfassenden Radar – könnte eine Nebenwirkung von Kinderschokolade sein?

Neben all diesen herrlichen Kontakten ergatterte ich aber auch Autoreninput, wobei mir vieles doch schon bekannt war: Klappentexte gehören kurz, knapp und essenziell, Lektorat ist selbstverständlich auch für Selfpublisher unverzichtbar, und sichtbar sein auf Social Media Kanälen natürlich auch.

 

Bevor es dann mit meinen Social Meetings weiterging, fand ich mich bei der Lektorat-Sprechstunde von Susanne Pavlovic ein. Für ein längeres Gespräch reichte die Zeit nicht, auch nicht für die Begutachtung von Texten, da hatte ich mir eine falsche Vorstellung gemacht. Aber ich erfuhr etwas über eine Software, die Texte analysiert und Vorhersage zu Bucherfolgen tätigt. Bekannterweise habe ich es mit Technik ja nun so gar nicht und so etwas wie künstliche Intelligenz ist für mich schwer zu fassen. So stehe ich auch einer Software skeptisch gegenüber, die mir helfen soll, mein Manuskript zu verbessern, welche mir helfen soll, das Buch zu schreiben, das ich möchte. Wieder etwas, wofür wir Autor*innen Geld ausgeben sollen. Zusätzlich ist auch die Besprechung durch eine Lektorin im Gesamtpaket buchbar.

Wie weit ist es dann noch, bis mit solchen und ähnlichen Programmen Lektor*innen überflüssig werden? Oder wie weit sind wir weg davon, dass Verlage Bücher gleich von Programmen schreiben lassen? Fragezeichen über Fragezeichen. Ich bin voller Hoffnung, dass wir Autoren und Autorinnen, die wir fühlen, lieben, lachen, leiden, sich quälen und dieses Erleben in berührende Texte verfassen, niemals überflüssig werden, weil eine Software das Schreiben und Lektorieren übernimmt. Für mich als bekennende Technikniete scheint das kein gangbarer und wünschenswerter Weg zu sein. Aber, wie gesagt, ich gehöre diesbezüglich den Dinosauriern an, und die sind bekanntlich ausgestorben.

 

Lange hatte ich sowieso keine Zeit darüber nachzudenken, denn nun musste ich mich sputen, um eine Buchstabenfreundin und Bloggerin, auch eine ehemalige Kursabsolventin Lea Kortes, bei Bob Andrews von den ??? abzuholen.

Einige Jahre ist es schon her, dass Yvonne Kühl und ich uns auch auf der LBM trafen. Komisch, mit manchen Menschen geht das Sabbeln wie Luftholen. Yvonne und ich haben jedenfalls so gar keine Schwierigkeiten, die Minuten mit ordentlich vielen Wörtern zu füllen.

 

Meine Füße waren mittlerweile kurz davor, Spruchbanner für einen Streik zu entwerfen (jaha, meine Füße können das!) und so gönnten wir uns einen Sitzplatz nebst teurem Messekaffee. (Irgendwo kam ich an einem Stand mit Kuchen vorbei = ein Stück 4,70 €? Leute, geht‘s noch? Dann eben Diät, da hab ich so gar kein Problem mit – auch, wenn ich anders aussehe, grins. Zweimal nicht gesündigt und schon habe ich ein Buch zusammen. Wenn das nicht ein deutlicher Mehrwert ist, was dann?) Zwei weitere Ex-Leas, Anna Buchwinkel und Maria Sanders, gesellten sich zu uns und so schlossen wir den Messetag mit einem gemütlichen Plausch ab.

Schön war‘s und voller Eindrücke in Kopf und im Herzen ging es nach einem Zwischenstopp bei einem Italiener in der Innenstadt recht früh nach Hause und nachdem die Gedanken ein wenig zur Ruhe gekommen waren, auch früh unter die Bettdecke. Morgen, Buchmesse Leipzig, morgen komme ich wieder!

 

Tag zwei

 

Meine Social Meetings gingen weiter. Endlich durfte ich Ann Kristin Vinterberg in die Arme schließen. Erstaunt fragte ich sie, wo sie denn den Rest von sich gelassen hatte? Das Netz hatte mir eine wesentlich größere Person vorgegaukelt und nicht so ein zartes Elfenwesen. Wir haben herzlich gelacht und uns ebenso herzlich unterhalten. Am Stand von Natascha Birovljev ging es mit den tollen Gesprächen und ihrem Buch nahtlos weiter, dort durfte ich auch unsere Kollegin Waltraud Grampp drücken. Welch innige Kontakte sich durch einen Online-Autorenkurs ergeben! Immer wieder bin ich dankbar dafür!

 

Nur so ein ganz kleines bisschen habe ich mich geärgert, dass ich über all diese netten Plauschereien DEN Fitzek verpasst habe. Aber wer ist das schon neben einer Vinterberg und einer Autorin aus den Rocky Mountains? Zwinker. Immerhin habe ich der Versuchung widerstanden und mich nicht komplett festgesabbelt, schließlich hatten meine Kolleginnen noch mehr auf dem Zettel, genau wie ich.

 

Es gab einen Vortrag über die Verbindung Blogger/Autor (gibt es im Buchbereich eigentlich auch männliche?)

Eine kurze Weile hörte ich Ursula Poznanski zu, die aus Thalamus las, und versuchte am Stand von Amrun vergeblich eine ruhige Minute zu erwischen, um mit dem Verleger zu sprechen. Das klappte erst im zweiten Versuch, der Stand wurde von begeisterten Leser*innen geradezu belagert und nicht nur einmal hörte ich: „Oh, oh die Bücher werden knapp.“ – Das klingt nach Erfolg.

 

Ob der kleine Verlag auch so erfolgreich wird, auf dessen Sitzkissen ich kurz Platz genommen hatte? Bereits nach seeehr kurzer Zeit fragte mich eine ältere Dame mit ernstem, und wie mir schien, entrüstetem Blick, ob ich mich nicht vielleicht für die ausgestellten Bücher interessieren würde? Na ja, doch, deswegen war ich ja da, hatte nur eine falsche Info bekommen und dachte, die Lesung einer der Autorinnen dieses Verlages würde hier am Stand stattfinden. Darüber, dass dem nicht so sei und die Lesung genau jetzt anstatt in Halle 2 in Halle 5 stattfände, wurde ich aufgeklärt. Immer noch etwas verbissen, scheinbar hatte ich das kostbare Sitzkissen des Standes zu lange abgenutzt, ich weiß es nicht. Traurig fand ich, dass der Verleger mir nicht einmal den Gang und die entsprechende Nummer des Lesungsortes seiner Autorin nennen konnte. Nach diesem wenig gelungenen Kontakt überraschte es mich ehrlich gesagt nicht, dass es auch nicht unbedingt ein Hörvergnügen war, dieser Kollegin zuzuhören. Sie verhaspelte sich bei jedem zweiten Satz und wirkte nicht so, als habe sie selbst den Text geschrieben. Ob das nun der Aufregung geschuldet war oder mangelnde Vorbereitung, ich weiß nicht. Alles zusammen hat mich jedenfalls nicht überzeugt, mich mit meinen Texten bei diesem Verlag zu bewerben.

 

Im Restaurant beim CCL stärkte ich mich mit Kartoffelsalat und Kaffee. Zusammen für 6 € geradezu ein Schnäppchen. Langweilig wurde mir nicht eine Sekunde, flanierten dort doch allerhand der fantastisch kostümierten Cosplayer vorbei. Der Buchmesse würde etwas fehlen, würde es sie nicht geben. Wie ich mich begeistert in die Buchstaben stürze, scheuen diese Fans der Gestaltung keine Mühen, um sich in die fantastischsten, kreativsten und sicher manchmal auch unbequemen Kostüme zu begeben. Viele dieser Gewänder erlauben es nicht einmal, sich hinzusetzen, das zeugt von Liebe. Nicht nur einmal fragte ich mich, wie manche dieser fantastischen Gestalten den Toilettengang bewältigen … aber okay, ich muss nicht alles wissen.

 

Interessiert lauschte ich einer Diskussion über Veröffentlichung im Ausland, über Lizenzvergaben, die Qualität von Übersetzungen und lernte, wie schwierig dieser Markt ist. Auch Vertragsrecht wurde angesprochen und dass es auch Debütautor*innen möglich sei, beispielsweise die Rechte für eine VÖ im Ausland bei sich zu behalten. Hm, ich weiß nicht – ist dann der Verlag nicht geneigt, diesen Vertrag zurückzuziehen? Nina George, neben der ich wunderbarerweise sitzen durfte, meinte: „Nein! Das sei durchaus legitim.“ Ja, vielleicht, wenn man das Auftreten, den Hintergrund und den Namen einer Nina George hat, aber ein Frischling wie ich? Hm. – Auf jeden Fall war ich über den Kontakt zu Nina George schwer begeistert. Sie war vor vielen Jahren, als ich es noch nicht wagte, mich Autorin zu nennen, eine der ersten „großen“ Schriftstellerinnen, mit der ich Mailkontakt hatte. Ich weiß noch, wie aufgeregt ich deswegen gewesen war und nun nennt sie mich Kollegin. Hach, wat schön.

 

Über einen kurzen Kontakt am DELIA-Stand (zu denen ich ja vielleicht im nächsten Jahr auch gehören darf) machte ich mich auf zum letzten Punkt meiner Liste. Er wurde das Highlight meines Messebesuches: Vera Nentwich – Wie gestalte ich Lesungen lebendig. In einem Vortragsraum des CCL, heilige Ruhe, ein Sitzplatz und diese Frau, die sich selbst als Frau mit männlichem Migrationshintergrund bezeichnet. Was haben wir gelacht. Bereitwillig teilte die Autorin und Kabarettistin uns ihre Erfahrungen mit. Eine vergnügliche Stunde, ein Lehrbeispiel dafür, wie man Publikum einfängt, Know How auf lockere und humorige Art so vermittelt, dass die Teilnehmer*innen am Schluss der Veranstaltung gar nicht gehen möchten. Der anhaltende und laute Applaus sprach für sich. Hoffentlich bekomme ich das eines Tages in meinen Lesungen auch genauso hin.


Asche auf mein Haupt, den Weg zur offenen Lesung des BVjA abends um acht habe ich nicht mehr geschafft. Mein Autorinnen-Ich wollte ja, aber meine Beine und mein Kopf nicht … Nochmal drei Stunden oder so durchhalten? Schon wieder: Sorry! Und herzlichen Glückwunsch der Gewinnerin des Abends.

 

Fazit Leipziger Buchmesse: Es war wieder einmal ein Genuss, wenn auch ein anstrengender. Vergleichbar mit einer Leipziger Lerche. Inhalt ungemein lecker und süß und anstrengend, eben diesen zu verarbeiten (bzw. wieder abzutrainieren, lach). Aber das war mir egal.
LBM und Leipziger Lerche, ich komme wieder – ich kann nur jedem empfehlen, beides zu versuchen!

 

Artikel von Heike Sonn

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